Ich war schon vorher in der Flüchtlingshilfe aktiv, habe Camps im Nordirak, in der autonomen Region Kurdistan, besucht. Ich habe die Hilfe gesehen, die aus der Weltgemeinschaft über die verschiedensten Organisationen dorthin gelangt ist: gut strukturierte Camps, generalsstabsmäßig und professionell errichtet für bis zu 15.000 Menschen, Müllabfuhren, sauberes Wasser, basismedizinische Versorgung, Rückzugsräume für Frauen und Kinder, sogar Grundschulen. Nicht alle Flüchtlinge fanden dort Platz, einige wohnten an den Straßenrändern in wilden, selbstgemachten Zelten, aber es waren relativ gesehen wenige. Der größte Teil der Menschen war zumindest grundsätzlich versorgt.

Dieses Mal ging es nur bis in die Türkei, ein Land, in dem viele Europäer Urlaub machen, ein Land, das die Aufnahme in die Europäische Gemeinschaft beantragt hat, ein Land, das einen Vertrag mit Europa hat, sich gegen viel Geld um die syrischen Flüchtlinge zu kümmern.
Flugzeug
Hier sollte die Versorgung doch funktionieren. Ich fragte mich, wie meine Arbeit wohl aussehen würde, als ich mich entschied, zusammen mit MedVint als Freiwillige in der medizinischen Flüchtlingsversorgung in der Region um Izmir herum zu helfen. Würde ich den lokalen Strukturen helfen? Oder würde ich westlich-arrogant die „bessere“ europäische Medizin neben den bestehenden Strukturen anbieten?

Was ich fand, machte mich sehr traurig, und ich wollte es zunächst gar nicht glauben. Für die Flüchtlinge hier gab es überhaupt gar keine offizielle Hilfe. Die wenigen „Vorzeigecamps“ der türkischen Regierung bieten Platz für maximal 10% der im Land lebenden Flüchtlinge. Die anderen 90% sind schlicht nicht gewollt und nicht gesehen. Niemand kümmert sich. Und da die Türkei offiziell kein Flüchtlingsproblem hat und mit dem Geld aus der EU alle Flüchtlinge ausreichend versorgen kann, gibt es auch keine Erlaubnis für größere NGOs, in der Türkei zu helfen. Kein UNHCR, keine Ärzte Ohne Grenzen, kein Safe The Children, kein Rotes Kreuz/ Roter Halbmond – keine Journalisten!!! – nur einige sehr kleine, schlecht vernetzte selbstgemachte, mehr oder weniger illegale NGOs, die unterhalb der offiziellen Ebene Hilfe anbieten, so gut sie eben können. Sie tun dies, ohne zu fragen, möglichst ohne gesehen zu werden, und versuchen, nicht gesehen und nicht weggeschickt zu werden.

9
Um die Situation der Flüchtlinge in der Türkei zu verstehen, muss man wissen, wie das System dort funktioniert. Wenn man als Flüchtling in der Türkei ankommt, registriert man sich in der ersten Stadt, in der man zunächst bleibt. Wenn man registriert ist, hat man das Recht zu arbeiten und subventionierte medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Es gibt keinerlei Hilfe bezüglich Wohnraum oder Nahrungsmittel. Flüchtlinge müssen in dieser Stadt bleiben. Wenn sie umziehen wollen, müssen sie das beantragen. Die Bearbeitung dauert mehrere Monate. Viele finden keine Arbeit dort, wo sie sich registriert haben. Also ziehen sie illegal dorthin um, wo die Arbeit ist, zu den großen Landwirtschaften, zu den großen Fabriken und leben und arbeiten dort illegal, um sich zumindest eine Art Zelt am Feldrand leisten und sich ernähren zu können. Keine subventionierte medizinische Hilfe am illegalen Ort.

Die Menschen folgen der Arbeit und campieren als Saisonarbeiter neben den Baumwoll- und Gemüsefeldern oder Ziegeleien in selbstgebauten Planen-Zelten. Wenn die Arbeit getan ist, ziehen sie weiter. Feste Bauten werden von den lokalen Behörden nicht toleriert, selbst wenn der Grundbesitzer nett ist und gerne mehr helfen würde. Flüchtlinge dürfen sich nicht ansiedeln. Wenn sie aber einfach arbeiten und sich ruhig verhalten, guckt die Polizei nicht so genau hin. Sobald aber Ausländer kommen, Journalisten oder die Flüchtlinge selber versuchen, sich Gehör zu verschaffen, müssen sie ihre Zelte abbauen und die Region verlassen, wohin auch immer ….

Ich möchte die Aufmerksamkeit nun auf die Kinder richten. Kinder, die nicht wissen, dass es auch anders sein könnte, dass es Schulen gibt, Gesundheitsfürsorge, sauberes Wasser … Wenn wir mit unserem kleinen Auto in den Camps ankommen, sind wir sofort umringt von einer Schar von lachenden, fröhlichen Kindern. Ganz aufgeregt rufen sie “a’bla, a’ bla”, “große Schwester, große Schwester”. Überall liegt Müll. Wohin auch damit? Wasser, das für die Felderbewässerung gedacht ist, tropft aus Schläuchen, die Kinder trinken davon, es sickert vor sich hin, der Boden wird matschig, vermischt sich mit Müll und überspült die freien Flächen, auf denen die Kinder spielen.

Trotz dieser Bedingungen rennen die Kinder fröhlich umher und spielen. Die meisten scheinen „gesund genug“ zu sein. Wenn sie nicht ernsthaft krank oder verletzt sind, versuchen wir ihnen beizubringen, nur gefiltertes oder abgekochtes Wasser zu trinken, wie man Hände wäscht, Zähne putzt und Verbrennungen an den vielen offenen Feuerstellen vermeidet. Wir ermutigen sie, Schuhe zu tragen und sauberes Essen zu essen. Sie gehen nicht zur Schule, aber sie lieben englische Wörter, kleine Spiele und Lieder. Wir tanzen und singen zu arabischen und englischen Kinderliedern.

Nicht alle Kinder sind so gesund. Einige haben leichtere oder ernstere Erkrankungen, Parasiten, Infektionen und viele Verletzungen und Verbrennungen. Jedes Kochen findet auf offenem Feuer statt und wenn der Müll wirklich zu viel wird, wird er verbrannt, inklusive Plastik und anderen giftigen Kunststoffen. Babys werden oft unreif geboren und bekommen KEINE Nachsorge nach ihrer Geburt. Die Frauen, die es während der Wehen ins Krankenhaus schaffen, werden in der Regel noch am selben Tag nach der Geburt wieder “nach Hause” in ihre Zelte geschickt, ganz gleich, ob sie normal oder per Kaiserschnitt entbunden haben. Auch unreife Babys bekommen keine Nachsorge, außer sie werden als direkt lebensbedrohte Notfälle eingestuft. Manchmal können wir als westliche Kollegen einen freundlichen türkischen Arzt überzeugen, dass dieses spezielle Flüchtlingskind unbedingt eine spezialisierte Behandlung braucht, und es wird angesehen. Sonst gibt es für die Flüchtlinge nur die Möglichkeit, vorab sehr viel Geld zu bezahlen, Geld, das in der Regel nicht zur Verfügung steht.

Wenn wir im Camp ankommen, begrüßen uns die Kinder. Die Frauen räumen ein Zelt auf und legen Kissen oder Matten für uns zum Sitzen bereit. Sie kochen uns Tee und wir sehen nacheinander die Schwangeren, die Neugeborenen und alle, die sich krank fühlen. Wir hören die Geschichten der Familien, über Gefahren, das Leben, Geburt, Tod, Leid und Heimweh nach Angehörigen in Europa oder noch in Syrien. Wir lachen und weinen gemeinsam und herzen die Kinder. Plötzlich sind diese Menschen nicht mehr nur meine Vorstellung oder eine Statistik – sie sind meine Patienten.

Wohin können sie gehen? Wo für sich und ihre Kinder ein besseres Leben aufbauen? Was kann und soll ich raten? Wenn Menschen neu aus Syrien ankommen, geht es Ihnen in der Regel sehr schlecht. Wir geben immer Wurmkuren und sprechen über unsauberes Trinkwasser, wie man sich vor Parasiten und Bakterien schützt. Die meisten dieser Menschen waren in den Wäldern entlang der Grenze für mehrere Wochen unterwegs, immer auf eine Chance hoffend, von einem Schmuggler aus Syrien hinaus in die Türkei

gebracht zu werden. Meist haben sie fast ihr ganzes Geld den Schmugglern gegeben. Sie sind unterernährt, schwach und erschöpft. Viele sind schwanger. Viele wissen nicht, was sie in der Türkei erwartet. Die Schmuggler haben von Häusern und Arbeit gesprochen.

Die Menschen arbeiten hart bis in den Abend, atmen giftige Dämpfe in den Ziegeleien ein und sind der großen Hitze dort ausgesetzt. Arbeitsschutz ist ein Fremdwort. Kinder werden von den Vorarbeitern bevorzugt. Sie sind billiger. Natürlich ist das auch in der Türkei illegal. Viele Kinder werden während der Arbeit verletzt und natürlich ist keiner verantwortlich. Gebrochene Knochen heilen alleine in Fehlstellungen. Andere arbeiten nicht in den Fabriken, sondern in der Landwirtschaft und helfen bei der Gemüse- oder Baumwollernte. Das ist genauso illegal, werden doch häufig auch hier Schwangere und Kinder beschäftigt. Der Tageslohn beträgt etwa 10 bis 12 Euro. Wenn der Grundbesitzer nett ist, erlaubt er, auf dem Gelände zu campieren (gegen Miete natürlich). Für Syrer ist der Lohn geringer als für Türken. Manche Grundbesitzer bezahlen regelmäßig, andere auch mal gar nicht. Es ist illegal, in einem Planen-Zelt am Feldrand zu wohnen, für das man aber Miete zahlt, und man kann jederzeit von der Polizei des Ortes verwiesen werden. Als Syrer bekommt man keine legale Hilfe, keine legale Möglichkeit, sich selber zu helfen. Es gibt wenig Hoffnung auf bezahlbare Gesundheitsfürsorge und freundliche Ärzte. Die Handvoll Ärzte, die den Flüchtlingen helfen wollen, können mit dem großen Bedarf und der großen Anzahl an bedürftigen Menschen nicht annähernd fertig werden.

Es fühlt sich an wie das, was wir in den Geschichtsbüchern über den Beginn der industriellen Revolution gelesen haben. Die Menschen, mit denen wir in Izmir Kontakt hatten, waren einfache Leute aus kleinen Städten und vom Land. Viele waren vorher arme Leute und sind es geblieben. Sie werden niemals das Geld aufbringen, weiter zu fliehen. Sie bleiben einfach und versuchen zu überleben. Die besser gestellten Menschen versuchen alles, um dieser Situation zu entkommen. Viele machen sich auf den Weg nach Europa. Es ist eine Frage des Geldes. Die geschlossenen Grenzen haben es teuer gemacht. Sie versuchen ihr Bestes, einen Ort zu finden, an dem sie sich einbringen, eine legale Arbeit finden und selber für ihr Leben sorgen können. Sie wollen eine gute Ausbildung und bessere Zukunft für ihre Kinder. Wie wir alle möchten sie ihr Leben wählen. Was würden wir tun?

 

Flüchtlingshilfe in Izmir/ West-Türkei – Bericht von Liv Fünfgeld von ihrem Einsatz

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *