Hier der Bericht von Linda Völkner:

Unser Einsatz auf Lesbos ist zu Ende und natürlich wieder viel zu kurz gewesen.
Ich möchte gerne unsere Erlebnisse weitergeben, damit unsere wahnsinnig tollen Unterstützer auch sehen, wie wichtig sie sind. Hier werden lediglich meine Eindrücke geschildert:

Meine Mutter und ich sind montags angekommen, der Montag, an dem der EU-Vertrag mit der Türkei beschlossen wurde. Es war merklich ruhig auf der Insel, was uns die Chance gab uns einen Überblick zu verschaffen.
Wir hatten uns entschieden, im Camp Moria zu helfen, da uns der Aufruf erreichte, dass dort Volunteers benötigt werden.
Meine Mutter hat direkt einen wundervollen Einsatzort im Health Point Project von Haida Aslam gefunden. Sie waren überglücklich, dass sie einen Allgemeinmediziner hatten, da viele Ärzte abgereist waren.
Ich habe mich zunächst dem Children’s Art Tent gewidmet. Dieses Projekt wurde von zwei Mädchen gestartet, um den Kindern eine Möglichkeit zu geben ihre Erlebnisse durch Malen und Spielen zu verarbeiten und den Eltern die Kinder etwas abzunehmen, damit sie sich für die weitere Reise stärken können.

Moria ist ein zweigeteiltes Lager. Inside Moria – alle arabischen Sprachen. Outside Moria – alle anderen Sprachen.
Die Menschen werden nach Moria gebracht, wenn sie von den Booten kommen. Nass, unterkühlt, aber zumindest medizinisch kein Notfall mehr. Moria ist ein ehemaliges Gefängnis. Dies ist sehr einschüchternd. Viele hatten Angst, dass sie festgenommen werden und zurück geschickt würden. Leider waren nicht genug Volunteers da, um die ankommenden Busse zu begleiten und zu beruhigen, den Menschen einfach die zu Angst nehmen.
Inside Moria, werden sie von großen Organisationen mit Essen und Kleidung verpflegt. Dort gibt es „Barracken“ für die Familien, die zumindest beheizt werden. Wenn es voll ist müssen die Menschen bei eisigen Temperaturen trotzdem draußen schlafen. Allgemein läuft es dort dennoch sehr geregelt ab.
Outside Moria wird lediglich von free Volunteers betrieben und basiert auf Spendenbasis. Auf Grund der katastrophalen Zustände und der tollen Spendenbereitschaft bewegt sich aber langsam etwas. Die GrünHelme bauten während unserer Zeit das neue Medizinzelt mit Fußböden und Heizung auf. Ein paar Engländer bauen eine große Küche auf.
Die Aktuelle Lage ist aber noch anders, es gibt ein Tee- und Versorgungszelt. Leider reicht das Essen nicht immer für alle. Vor allem für Menschen, die Nachts ankommen, ist oft nichts mehr da. Kleider sind vorhanden. Es mangelt aber an Schuhen, Socken und Schlafsäcken. In outside Moria gibt es bislang keine festen Unterkünfte. Die Menschen schlafen noch in Zelten und bekommen lediglich Feuerholz. Kleine Kinder, die vollkommen durchnässt ankommen, sind dieser Situation ausgesetzt. Es wurden aber jetzt von allen free Volunteers zusammen Flächen angemietet und der Bau von Barracken hat begonnen. Dies lässt sich aber nur weiterführen, wenn weiterhin so tolle Spenden eingehen.

Im Medizinzelt werden die Menschen noch draußen im Freien behandelt, ausser es sind Frauen, für sie wurde eine kleine Ecke im Zelt geschaffen. Meistens haben die Menschen Erkältungen und Kopfschmerzen. Doch es gibt auch andere Geschichten.
Hier ein Beispiel, was mich sehr berührt hat:
Eine 35-jährige Frau, die eine Brustkrebs-Chemotherapie hinter sich hat. Sie „reist“ mit ihrem Mann und dem 1 ½ jährigen Sohn aus Afghanistan. Ihre 4-Jährigen Zwillinge musste sie aus finanziellen Gründen bei ihrer Schwägerin lassen. Sie möchte für die Behandlung nach Deutschland. Ob sie ihre Kinder jemals wieder sieht, ist nicht klar. Sie war rechtzeitig beim Arzt, jedoch gibt es in Afghanistan kaum eine medizinische Betreuung. Sie ist deswegen schon nach Pakistan gegangen, aber auch da ist es wegen der Taliban schwierig, als Frau medizinisch behandelt zu werden.

Der Kindergarten hört sich erstmal nach einer netten Beschäftigung an. Doch man ist nicht nur zur Aufsicht, sondern auch als „Therapeut“ dort. Die Kinder sind schwer traumatisiert und malen oft ihre Häuser. Wenn man sie mit Übersetzern danach fragt, heißt es jedes Mal „Das war unser Haus bevor es zerbombt wurde oder von bösen Menschen (Annahme Taliban) geklaut wurde“.
Oft malen sie Boote, erzählen von der gruseligen Überfahrt.
Es ist aber so toll zu sehen, wie sie schüchtern und ängstlich kommen und nach ein bis zwei Stunden lachend gehen. Und auch die Eltern sind so erleichtert, dass jemand sich die Zeit nimmt, den Kindern zu helfen und sie sich ausruhen können, denn auch sie müssen das Erlebte verarbeiten.

Neben dem Kinderzelt habe ich noch Kleidung von den Lagern in die Camps gefahren, Essen verteilt und Menschen von der Küste abgeholt und in die Lager gebracht.
Warum es keine Busse gab? Die Situation, dass die Boote im Süden ankommen ist neu. Die Schlepper haben neue Wege gefunden, da der Norden stark kontrolliert wird. Leider gab es anfänglich zu wenig Busse. D.h. viele hätten die 15 km nach der Überfahrt noch laufen müssen. Frauen und Kinder zuerst, was dazu führt, dass leider viele Familien auseinander gerissen werden. Oftmals haben leider die Männer keine Fahrmöglichkeit bekommen. Dabei müssen sie stark für ihre Familien sein. Sie sind die, die das Geld aufbringen mussten. Die, die die Familie beschützen müssen. Manchmal bin ich für ein Boot 5 mal hin und her gefahren oder auch mal mit 9 Leuten in einem Kleinwagen. Keiner möchte nach 3-10 Stunden Überfahrt, nass, kaputt, ängstlich, hungrig und durstig, laufen. Zum Glück wurden immer mehr Busse in den Süden geschickt.
Ein „Gruppe“ ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Eine Gruppe Jungs aus Sri Lanka, seit 2 Jahren unterwegs. Was sie müssen, fahren sie mit dem Boot, alles andere laufen sie. Ihnen ist es egal, wo sie in Europa leben, sie möchten nur nicht weiter unterdrückt werden, da sie einer Minderheit angehören. Dann realisiert man wiedermal, was Menschen auf sich nehmen, für ein Leben in Freiheit, was für uns selbstverständlich ist.

Während unseres Aufenthaltes hat sich die Lage in Idomeni zugespitzt. Diese Neuigkeiten kamen schnell an. Was macht man als Volunteer, wenn man weinende Männer und Frauen sieht, die wissen, sie kommen nicht weiter, weil sie die „falsche Staatsangehörigkeit“ haben. Die Taliban treibt auch in Pakistan die Menschen zur Flucht. Im Iran wird man verfolgt, wenn man politisch anderer Meinung, Homosexuell oder „falscher Muslim“ ist.
Diesen Menschen wird vorgeworfen „keinen Fluchtgrund“ zu haben.
Sieht man aber den Menschen, die Einzelschicksale, dann weiß man nicht, was man sagen soll. Es gibt Schlepper, die wieder viel Geld nehmen um die „falschen“ Flüchtlinge nach Westeuropa zu bringen. Worin endet das? Weitere LKW’s mit erstickten Menschen an unseren Landesgrenzen. Kein Mensch verlässt seine Heimat aus einem leichtsinnigen Grund. Diese gestrandeten Menschen haben uns Volunteers unglaublich unterstützt, da sie wissen, dass momentan kommen nicht weiter. Sie geben Kleidung aus, kochen/verteilen Essen und helfen im Camp. Und dann wird man angefleht, wenn man fährt, sie doch bitte mitzunehmen. Das bricht mir das Herz, weil ich machtlos dastehe und nichts mehr als eine Umarmung, ein Lächeln und warme Worte geben kann.

Eine Familiengeschichte möchte ich noch erzählen, die auch ein wenig auf kürzlich getroffen politische Entscheidungen anspielt. Eine Ärztin bat mich, mich um eine Familie zu kümmern. 3 Schwestern mit Kindern, Syrerinnen, Alleinflüchtende. Noch nie hat mich eine Familie so bewegt. Zwei Väter tot, ein Vater verschwunden. Eins der Kinder war schwer behindert. Eine Frau humpelte, zwei hatten schwere Wunden und sichtbar blaue Flecken im Gesicht. Eine Bombe hatte das Haus getroffen an dem sie vorbeifuhren. Die Kinder hatten ebenfalls Wunden mit Glassplittern im Gesicht. Sie weinten, standen unter Schock. Mit Hilfe eines Übersetzters haben wir erfahren, dass sie nicht fliehen wollten. Aber dass wieder mehr Bomben fallen. Und sie würden es einfach nicht mehr aushalten. Eine der Frauen hat uns gebeten ihre Geschichte zu erzählen, damit die Bomben aufhören. Wir haben sie gefragt, ob sie wissen, wer sie bombadiert hatte. Sie wussten es nicht, sie meinten es wäre egal wer es war, diese Menschen töten Kinder, Frauen, Väter/Ehemänner. Sie baten uns zu sagen, sie kommen nicht wegen dem Geld, sondern um den Kindern ein friedliches Leben zu bieten.

Gerne würde ich jede einzelne Geschichte erzählen, von den Menschen, mit denen ich in Kontakt war. Aber dieser Post ist schon sehr lang. Deswegen nur noch eine, die sich auf unseren aktuellen Spendenaufruf bezieht:

Zum Ende der Woche kamen wieder mehr und mehr Boote an.
Leider ist der Küstenstreifen im Süden noch nicht gut koordiniert. So fanden wir am letzten Tag ein Boot. Zwei Griechen haben uns angehalten und dort hingeführt. Griechische Fischer hatten das Boot kurz vor dem Versinken an Land gezogen. Die Menschen waren glücklicherweise medizinisch wohlauf. Jedoch vollkommen unter Schock. Das macht es umso wichtiger, dass weiterhin viele Volunteers kommen. Es müssen jetzt zwei Küstenabschnitte „überwacht“ werden. Ausserdem müssen die Freiwilligen, sowie die Griechen vor Ort, mit Equipment unterstützt werden. Wären diese Fischer nicht gewesen, wären wieder 50 Menschen im Mittelmeer ertrunken. Diese Menschen sind in meinen Augen absolute Helden. Sie handeln aus Menschlichkeit und nicht nach Gesetzten. Sie kennen keine Religionen und keine Staatsangehörigkeiten. Helft uns, die griechischen Lifeguards mit neuen Booten auszustatten, damit es weniger Tote im Mittelmeer gibt!

Ich bedanke mich bei jedem Unterstützer, der mir diese Erfahrung möglich gemacht hat.
Ich werde nicht aufgeben Menschen zu helfen und wir als Verein sind auf Euch angewiesen.

 
Wir freuen uns weiter über Eure Spenden. Als Überweisung auf unser Konto oder über unser Spendenformular bei Betterplace:

Wir kommen nicht wegen des Geldes, sondern um den Kindern ein friedliches Leben zu bieten

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